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Warum ich nach Leipzig gekommen bin, 9 November 2014

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Dies ist meine dritte Reise in die Geburtsstadt meines Vaters. Hier wuchs er auf und – drei Silberteller, die mir sehr wertvoll sind, belegen das – gewann das Tischtennis-Doppel Championat der Stadt Leipzig in den Jahren 1929 (neunzehnhundertneunundzwanzig), 1930 (neunzehnhundertdreißig) und 1933 (neunzehnhundertdreiundreißig), in dem Jahr als Hitler an die Macht kam.

1982 (neunzehnhundertzweiundachtzig), bei meinem ersten Besuch, wurde ich am ostdeutschen Grenzübergang Ölbesfelde abgewiesen, als ich so naiv war, dem Grenzbeamten zu erzählten, dass ich ein Rabbiner bin auf dem Weg nach Leipzig, wo mein Vater seine Jugend verbracht hat. Erst nach einem eintägigen Umweg über Berlin, wo ich mich als Kunstlehrer vorstellte begierig die berühmten Museen Leipzigs zu besuchen, bekam ich ein Visum.

Während der ganzen Reise betete ich, dass niemand mir Fragen über Kunst stellt.
Zu der Zeit war die örtliche jüdische Gemeindezentrale eine kleine, staubige, schwer zu findende Ansammlung von Büros, die ich über eine enge, knirschende Treppe erreichte.

Von dem Vorsitenden der Gemeinde erfuhr ich damals, dass 67 (siebenundsechzig) Juden in Leipzig lebten. Diese Zahl ließ mir das Herz erstarren. 1935 (neunzehnhundertfünfunddreißig) gab es 18.000 (achtzehntausend) Juden in Leipzig. 14.000 (vierzehntausend) starben in der Shoa.

Im Gegensatz dazu fand ich im Jahre 2011 (zweitausendelf) eine liebevoll renovierte Synagoge und geräumige Büros vor. Die Leipziger jüdischen Gemeinde war durch hunderte russische Immigranten neu belebt worden. Ihr Rabbiner Zsolt Balla persönlich zeigte mir die Orte, wo meine Vorfahren gelebt hatten.

Im letzten Winter, als Pastorin Ursula Sieg zum ersten Mal vorschlug nach Deutschland zu kommen, um in Synagogen, Schulen, Kirchen und an der Universität Potsdam und dem Abraham Geiger Kolleg zu sprechen, schien es ein folgerichtiger nächster Schritt auf dem bemerkenswerten Weg, den Deutschland gegangen ist, um die Schrecken des Hitler-Regime wieder gut zu machen.

Ja wirklich, denn in den Jahren 2011 (zweitausendelf) und 2012 (zweitausendzwölf) hatte ich in meiner Funktion als Präsident der Weltunion für Progressives Judentum die Ehre, die Verträge zur Errichtung einer Jüdischen Fakultāt in der Universität von Potsdam zu unterzeichnen. Das bereitete den Weg zu einem Staatsvertrag, der auch beinhaltet, deutschen Studenten das Studium des Judentums und die Rabbinerausbildung zu finanzieren.

In den letzten Monaten allerdings, hat sich der Antisemitismus an vielen Orten Europas wieder kraftvoll erhoben. Sogar hier in Deutschland, wo Gesetze antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit verbieten, konnten wir erneut die Glut unverhohlenen Hasses gegen Juden auflodern sehen.

Mit diesen Entwicklungen veränderte sich der gesamte Charakter des Besuches.
Als Israel die Angriffe der Hamas auf Israels Zivilbevölkerung kraftvoll beantwortete, hat ein Großteil der Welt Israel verdammt. Dies war eine völlig unangemessene Reaktion auf Israels glücklicherweise erfolgreiche Anstrengung seine Bürger vor dem Terror derer zu schützen, die sich seiner Vernichtung verschrieben haben.

Sie bewahrheitet einmal mehr die uralte Aussage des moabitischen Propheten Bileam: Israel ist ein Volk, das abgesondert wohnt. (Numeri 23, 9)
Praktisch über Nacht wurde uns klar, dass unsere Generation der Juden nicht von der Prophezeiung des Bileam ausgenommen ist.
Als der Tag unserer Abreise aus den USA näher kam, äußerten einige Freunde und Familienmitglieder berechtigte Bedenken gegenüber unserem Deutschlandbesuch.

Aber meine Familie ist hier: meine Frau Victoria, meine Cousine Irene, deren Eltern beide in Leipzig geboren und aufgewachsen sind, ihr Partner Joe Azizallahoff und unser Sohn Leo Fuchs, der nach meinem Vaters genannt ist. Mein Vater Leo Fuchs wurde genau heute vor 76 Jahren hier in Leipzig verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht.

Und dennoch freuen wir uns hier sein zu können und sind sehr dankbar für die Einladung. Nach fast zwei Monaten in Deutschland, weiß ich, dass viele Deutsche sehr interessiert sind unseren Glauben, unsere Geschichte und unseren Lebensstil kennen zu lernen. Ich bin hier, weil ich wie Anne Frank glaube, dass die Menschen in ihrem Wesen gut sind.
Ich bin hier, weil wir zwar die Vergangenheit nicht ungeschehen machen können, aber wir können die Zukunft gestalten.

Ich habe einmal die Geschichte gehört, dass während ein Offizier die Juden einer kleine Ortschaft auf dem Dorfplatz zusammentrieb. Er befahl dem Rabbiner vorzutreten. Er hielt seine Hände hinter den Rücken und sagte grinsend: Da du ja so klug bist, kannst du dein Dorf retten, wenn du mir eine Frage richtig beantwortest. In meinen Händen hinter meinem Rücken habe ich einen Vogel. Sag mir, Rabbi, ob er tot oder lebendig ist.

Dem Rabbiner war klar: Wenn ich sage: “Er ist tot”, zeigt der Offizier den Vogel lebend vor. Sage ich aber: “Er lebt”, dann drückt er ihn mit den Händen tot.
Der Rabbi blickte dem Offizier direkt in die Augen und sagte: “Die Antwort ist in deiner Hand”.

Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Aber die Zukunft zu gestalten, das ist unsere Aufgabe.
Werden wir unseren Kindern eine Welt voller Hass, Terror, Gewalt und Krieg hinterlassen? Oder werden wir eine Welt der Gerechtigkeit, der Fürsorge, der Freundlichkeit und des Mitgefühls schaffen? Werden wir eine Welt des Friedens schaffen? Ich danke Gott dass die Antwort auf diese Fragen in unseren Händen liegt.

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